Vorsicht, Falle!

Stellen Sie sich bitte vor, Sie, als Angestellter, kommen morgens ins Büro und ihr Chef eröffnet Ihnen und ihren Kollegen das Folgende:
‘Liebe Mitarbeiter, ab sofort erhält keiner von Ihnen mehr ein Festgehalt. Vielmehr werde ich die Aufgaben des Tages an Sie verteilen, und jeweils drei von Ihnen bekommen diesselbe Aufgabe. Die Person, die den Job am Besten erledigt, kriegt einen guten Stundensatz dafür. Alle anderen gehen leer aus. – Morgen ist ja dann ein neuer Tag und da gilt für Sie alle: Neues Spiel, neues Glück.’
So, genau so, sieht es aus, wenn Sie sich mit einem Auftrag zum Beispiel an das neue Portal mit dem Namen ‘Designen lassen’ wenden – eines von vielen.

Sicher verdienen tut – um im Bild zu bleiben – nur Ihr Chef, und das immer. Schließlich läßt er eine Menge Leute arbeiten, 66% von ihnen ohne Gegenleistung (Vielleicht sogar mehr – Wer kontrolliert denn, ob Ihr Chef tatsachlich jemanden entlohnt?).
Das mag so lange lustig sein, wie man immer der Beste ist – aber was, wenn nicht?
Solche üblen Ausbeutereien greifen um sich, nicht nur im Netz.

Aus der Sicht eines Auftraggebers, der eine Leistung bezahlen soll, mag das verlockend sein. Aber bedenken Sie: Wer sich an solchen Ausschreibungen, die überdies weit unter den branchenüblichen Sätzen gehandelt werden, beteiligt, kann seine Leistungen unmöglich hoch einschätzen.
Die Frage nach der Qualität muß also gestellt werden. Des Weiteren: Beratungskompetenz kann von einem solchen Unternehmen nicht geleistet werden: Wer wie wild um unterbezahlte Aufträge kämpft, wird seinem Kunden nach dem Mund reden (müssen).
Es bleibt dabei: Seriöse Agenturen nennen einen solchen Wettbewerb ‘Pitch’ und zahlen den Bewerbern, die den Etat nicht bekommen haben, Pitchhonorare bzw. Aufwandsentschädigungen. Die Agenturen wissen: Gute Arbeit kostet Geld; schließlich suchen sie Menschen mit Erfahrung und einem Gefühl für den Wert ihrer professionellen Leistung.

Ich muß vor solchen Portalen noch aus einem anderen Grund warnen:
Ich selbst habe mich zu Testzwecken als Dienstleister um Aufträge beworben und mußte erfahren: Eine Identitätsprüfung findet dort oft nicht statt. Man hat mich nicht um ein Postident oder ähnliches gebeten, meine Postadresse gab es nicht, meine Mailadresse war eine Mailadresse, die sich nach 24 Stunden selbst löscht, wenn keine Aktivitäten zu verzeichnen sind – dies alles ist nicht bemerkt worden. Ich konnte als Bewerber um Aufträge auftreten. Das heißt: Unter Umständen kann ich als Dienstleister in Erscheinung treten, einen Auftrag annehmen, ein paar Bilddateien an den Kunden schicken, Geld überwiesen bekommen – und abtauchen. Weder der Kunde noch der Betreiber der Portalseite hätten die leiseste Chance mich aufzuspüren.

Ich gehe davon aus, daß die meisten der Dienstleister, die sich in solchen Portalen um Aufträge bewerben, einfach jung und unerfahren sind, getrieben vom Bedürfnis sich die ersten Meriten zu verdienen, jedoch öffnet die wenig fundierte Programierung dieser Portale dem Betrug Tür und Tor.
So kann ich nur abraten – Dienstleistern wie Auftraggebern.

Eine Empfehlung zum Schluss: Wenn Sie sich mit einem Dienstleister – aus welchem Bereich auch immer – in Verbindung setzen, bestehen Sie auf einer Festnetztelefonnummer, und rufen Sie diese auch an, suchen Sie das direkte Gespräch. Es sichert beide Beteiligte ab und ist obendrein noch immer der Königsweg der Kommunikation.

[Disclaimer - aus gutem Grund: Was ich hier schreibe, ist meine ganz persönliche Meinung und Empfehlung, entscheiden müssen Sie selbst.]

Kay Gaumann

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